[Literatur zu Manfred Maurer]

„Maurer hat entdeckt, daß der moderne Heimatroman nicht mehr auf Schloß Hubertusstein oder im Ammerland spielt, sondern in den Zentren gleichförmiger Großstädte.“
Franz Hocheneder über
Manfred Maurer (1958-1998)
"um sechs uhr morgens fiel david dobner, noch keine zwanzig, stockbesoffen bei der wohnungstür hinein. er habe soeben arbeiter gesehen, lallte er, er könne gar nicht sagen, wie glücklich er sich preise, keiner von diesen, sondern künstler zu sein.
die mutter, noch unausgeschlafen, aber schon die vom gedröhn zitternde werkshalle vor augen, geriet in wut. sie stand, die braune einkaufstasche mit den jausenbroten in der hand, im winzigen vorzimmer. an ihrem hals hüpfte eine bläuliche ader.
das sei jetzt aber die letzte gemeinheit gewesen, die er sich mit ihr erlaube, schrie sie mit einer sich überschlagenden stimme. einen derart versoffenen und arbeitsscheuen kerl wolle sie, wenn sie nach hause komme, zwischen ihren vier wänden nicht mehr sehen. pack deine sieben sachen und verschwinde, bevor ein unglück passiert.
dobner ließ sie stehen und wankte in die wohnküche. er dürfe jetzt leider keine sekunde verlieren, lallte er, denn er beabsichtige, sogleich den großartigsten roman des zwanzigsten jahrhunderts zu schreiben."
Diese Sätze sind der Beginn von Manfred Maurers Sturm und Zwang, mit dem er 1984 als Buch- und Romanautor debütierte. Sturm und Zwang ist die Geschichte von David Dobner, der von einem Leben als Schriftsteller oder Musiker träumt und von seiner namentlich nicht genannten Heimatstadt in der österreichischen Provinz aufbricht, um in Wien Karriere zu machen. Begleitet wird er dabei von seiner Freundin Lotte, einer "Tochter aus gutem Haus", mit der ihn eine häufig sehr problematische Beziehung verbindet.
Dieses Buch enthält einige autobiographische Elemente. Manfred Maurer wurde am 8. November 1958 in Steyr geboren. Seine Mutter war Fabriksarbeiterin, seinen Vater verlor er bereits im Alter von einem Jahr. Ab 1979 lebte Maurer in Wien, nach diversen Jobs ab 1981 als freier Schriftsteller, eine Berufswahl, der er sich radikal aussetzte. Wie David Dobner brach er vor der Matura den Besuch der Handelsakademie ab, womit er sich selbst die Möglichkeit nahm, eventuell in einem "normalen" Beruf Zuflucht zu suchen.
Für David Dobner ist es ein steiniger Weg. Es gelingt ihm keine Buchveröffentlichung in diesem Roman, der in verzweifelter Stimmung und mit den Worten endet: "that's the end of the story, schrien zappas leute. doch sie ging weiter."
Manfred Maurer war mit diesem Buch, das in sehr realistischer Weise und mit oft drastischer Sprache von den Schwierigkeiten eines jungen Schriftstellers in Österreich erzählt, bereits im Alter von 26 Jahren Romanautor, von dem zusätzlich schon ein Hörspiel sowie mehrere kürzere Publikationen vorlagen. Die durchgehende Kleinschreibung in den ersten Büchern erinnert sehr stark an ein englisches Schriftbild, und aus dem englischsprachigen Raum stammen auch Maurers literarische Einflüsse, vorwiegend aus Amerika, besonders aus der Beat- und Underground-Literatur. So heißt z. B. einer von Maurers frühen Texten Wenn ich Charles Bukowski wär, und das zweite Kapitel von Sturm und Zwang, in dem David Dobner und Lotte gemeinsam nach Italien fahren, ist nach Jack Kerouacs berühmtem Roman On the road benannt. Aber schon bald entwickelte Maurer seinen eigenen Stil, den häufig ein Spiel mit Versatzstücken aus der Trivialliteratur auszeichnet und der von Einflüssen der Pop- und Alltagskultur geprägt ist, wobei diese Einflüsse immer wieder thematisiert und reflektiert werden.
Eine wichtige Rolle hat die Musik. So stammt z. B. das Schlußzitat aus einem Song, der durch seinen Titel noch einmal auf die Beziehungskrisen im Roman anspielt und einen selbstironischen Blick auf den Protagonisten zurückwirft. Er heißt Honey, don't you want a man like me?, die bekannteste Version befindet sich auf dem Live-Mitschnitt Zappa in New York (1977), und nach New York, nicht nach Wien, richtet sich auch die Widmung des Buches: "dieses buch widme ich lou reed", schreibt Maurer - mit dem Nachsatz: "dem es wurscht sein wird".
Ob Lou Reed davon Notiz genommen hat, kann ich nicht sagen, dafür aber, daß er sich zur Herkunft aus der Kleinstadt in ähnlicher Weise geäußert hat wie Manfred Maurer. Drei Jahre nach Andy Warhols Tod brachte Lou Reed gemeinsam mit John Cale das Album Songs for Drella (1990) heraus, auf dessen erster Nummer Small town zu hören ist: "when you're growing up in a small town / you know you'll grow down in a small town / there's only one good use for a small town / you hate it and you know you'll have to leave."
Mit dem Titel seines zweiten Buches, der gleichfalls einen musikalischen Bezug hat, kehrt Maurer jedoch noch einmal in seine engere Heimat zurück. Land der Hämmer (1985) ist ein Zitat aus der österreichischen Bundeshymne und bezeichnet die über Jahrhunderte vom Eisenwesen geprägte Region Phyrn-Eisenwurzen um Steyr im Südosten Oberösterreichs. Mit diesem Band wird allerdings die Entscheidung, aus der Enge auszubrechen, um einem ungewöhnlichen oder abenteuerlichen Beruf nachzugehen, nicht revidiert, sondern bekräftigt.
In einigen dieser neun Texte wie Das Ende vom Lied, Anna sucht ihren Mann und Die Hochzeitsreise beschreibt Maurer mit großer Anteilnahme das Dasein von Menschen, die sich in einfachen Berufen abrackern, für andere aufopfern und dabei nichts von ihrem eigenen Leben haben. In diesem Umfeld ragt ein einziger Wunsch hervor, einmal "etwas besonderes" zu werden, wie es in Erste Reise in den Süden heißt.
Eine Geschichte hat auch die Rückkehr in die Heimatstadt explizit zum Thema. In Johnny fährt ein Mann wegen Archivrecherchen an den Ort zurück, wo er aufgewachsen ist und wo er auch seinen ehemals besten Freund wieder trifft, eben Johnny, dessen Situation sich folgendermaßen darstellt: "seit zwei jahren wohnt er nicht mehr bei den eltern, sagte er, sondern ein stockwerk höher mit einer frau zusammen, die aber ein trottel sei. seit einem jahr ist er besitzer eines sohns, der aber auch ein trottel sei. die arbeit in der schlosserei hat er aufgegeben, weil die kollegen lauter trotteln seien." Johnny versucht, seiner Wirklichkeit mit einer Kombination aus Schlaftabletten und Rum zu entfliehen, und obwohl er noch nicht einmal von seinem Elternhaus weggekommen ist, faselt Johnny von Auswanderungsplänen, zu denen er aber noch jemand anderen brauchen würde. "willi, sagte er leise und kam ganz nah an mich heran, fährst du mit mir nach australien? wir beide, wir könnten es schaffen."
Aggression gegen Schwächere und noch Schwächere, Ausweglosigkeit, Selbstmordgedanken, Ende noch vor dem Beginn sind Maurers Themen in Der Sieger. Ein 16jähriger, der auf dem Arbeitsamt als Berufswunsch "motocrossfahrer oder stuntman" angibt, aber nicht einmal eine Lehre als Automechaniker angeboten bekommt, sondern sich als Stallbursche versuchen soll, schreit dem Beamten ins Gesicht: "jetzt wollen sie einen stallburschen aus mir machen, einen schweinehirten, oder was?"
Auf verschiedene Art und Weise wird diese Entscheidung durchgespielt, etwas Außergewöhnliches tun zu wollen, wobei sich dieses Außergewöhnliche nicht auf Äußerlichkeiten beschränken darf. In Epitaph - ein Bericht über Bruno geht es um einen Anführer einer Gruppe von Motorradfahrern, der kurz zuvor tödlich verunglückt ist: "bruno, wir können es gar nicht fassen, ist nicht mehr. [...] nach dem begräbnis drehten wir eine ehrenrunde um den friedhof und fuhren dann im schrittempo in den 'biker's club'. wir betranken uns geschlossen mit bacardi-cola und drückten alle dreizehn minuten born to be wild auf der musikbox. lief unsere hymne, waren wir sehr ruhig, aber es kamen uns keine tränen." Selbst die Ehrerbietung für ihren toten Leithammel, der unangepaßter kaum hätte sein können, ist zusammengesetzt aus den Elementen, deren lähmender Wirkung Maurer in seinen Texten von Anfang an zu entkommen versuchte: alle fühlen gleich, alles dreht sich im Kreis, alles ist langsam, alles wiederholt sich in kurzen Abständen, dazu kommen Spracharmut bzw. Sprachlosigkeit. Aus diesem Zustand, der von den meisten gar nicht bewußt wahrgenommen wird, befördert man sich mit geeigneten Substanzen und passendem Soundtrack in eine Scheinwelt. Alles steuert einzig auf den Tod zu, vor dem es kein Ziel gibt. Auch über Bruno heißt es: "es besteht die berechtigte vermutung, er habe sein motorrad mit absicht gegen den baum gelenkt." Am Ende des Textes finden wir eine ähnliche Formulierung wie zu dessen Beginn: "prost bruno, bis später."
Brunos Ziellosigkeit erinnert an eines der bekanntesten Lieder von Helmut Qualtinger und Gerhard Bronner, in dem sich jemand - angeregt durch den Film Der Wilde - "wie der Marlon Brando a klasse Maschin'" kauft und dann sagt: "I' hab' zwar ka' Ahnung, wo i' hinfahr', aber dafür bin i' g'schwinder dort." In Anlehnung an den Filmtitel heißt der Song Der Halbwilde.
"Wild" - mitunter ähnlich ironisch gebrochen wie bei Qualtinger/Bronner - kommt in Maurers Büchern häufig vor, so sind z. B. Ein Bericht über Bruno, Der Sieger und Johnny zusammengefaßt zum Abschnitt Die Wilden. Und auch Manfred Maurer selbst nannte der Schriftsteller, Regisseur und Filmemacher Walter Wippersberg in einer Extraausgabe der oberösterreichischen Literaturzeitschrift Die Rampe (1998) einen "einst als 'Jungen Wilden' apostrophierten [...] Autor". Bei seinen nachfolgenden Texten treffen wir bereits in den Titeln auf Wildheit, Geschwindigkeit und Nervenkitzel.
Thrill (1988) enthält drei Erzählungen, die zum größten Teil wieder in Wien spielen. In Fotofinish, dem längsten dieser Texte, probiert ein Trio die konsequenteste Alternative zum langweiligen Job aus, den Bankraub! In den anderen beiden Texten gehen ein Taxifahrer und ein Verlagsleiter an der Monotonie bzw. Härte ihres Geschäfts völlig zugrunde. Der Band ist nach der Erzählung mit dem Verlagsleiter benannt, mit der Manfred Maurer 1987 zum ersten Mal beim Ingeborg-Bachmann-Preis teilgenommen hat. Dort ging er zwar leer aus, insgesamt hatten seine ersten drei Bücher, die alle auch als Taschenbuch verlegt wurden, aber einigen Erfolg. Maurer erhielt mehrere Preise und Stipendien, u. a. für Reisen, deren Eindrücke er in weiteren Texten verarbeitete. 1988 besuchte er New York, das ja implizit schon im ersten Buch mitgedacht war.
"Holy Hell, das wilde Schaf würde jetzt gleich nach New York City abrauschen", heißt es im nächsten Roman, und dieser trägt eben den Titel Das wilde Schaf (1989). Paul Sender, ein Horrorschriftsteller, nimmt sich Urlaub von Frau und Kind, um sich in der Weltgeschichte herumzutreiben. "Er wollte keine Geschichten mehr erfinden, er wollte endlich selbst mal was erleben. Auf die Tube drücken, in der das Leben eingeschlossen war." Tatsächlich entwickelt sich jedoch die Reise von Wien nach Rom, Frankfurt, Berlin und New York für den Horrorschriftsteller zum wahren Horrortrip. Bis sich Sender am Schluß wieder seiner Familie zuwendet, kreuzen sich die Wege und verbinden sich die Geschicke der wenigen Romanfiguren oft in nahezu alptraumhafter Weise.
Die höchsten Erwartungen setzt Sender in den Aufenthalt in New York, und genau dort sind schließlich der Alltagshorror und die Desillusionierung am größten. Beim Anblick sogenannter "Bag People", "Horden von düsteren, in Lumpen gekleideten und ins Leere starrenden Gestalten [...], die alle paar Meter zwischen Müllsäcken, leeren Flaschen und Urinlachen schliefen", fragt sich Sender: "Wie kann man so leben? Ist das denn da überhaupt noch ein Leben? Oder was ist das jetzt?"
Die Folgen solcher Erlebnisse und Gedanken sind in Furor (1991), einem weiteren Roman, zu spüren. Ausgangspunkt ist hier eine "kleine Ortschaft" im österreichischen Salzkammergut, "die einer ganzen Epoche den Namen verliehen hatte: der Hallstattzeit, 700 bis 450 BC". Von hier aus geht es auch zu anderen Schauplätzen, u. a. nach Frankreich und nach Großbritannien, doch kommt jetzt zur Ortsveränderung noch eine weitere Dimension dazu, die sich bereits zu Beginn ankündigt, nämlich eine Reise in die Vergangenheit und ins Mythische. Plötzlich begegnen uns keltische Gottheiten und keltische Krieger. "Sie waren groß und muskulös und hatten ihre langen blonden Haare mit Gipswasser steil aufgerichtet, was ihr grimmiges Aussehen noch erheblich verstärkte. Jetzt stimmten sie ihre wilden Schlachtgesänge an, ließen ihre Karynx, die mißtönenden Kriegstrompeten, erschallen, schlugen die Schwerter rhythmisch gegen die Holzschilder mit den eisernen Schildbuckeln, entfesselten systematisch Wut und Kampfeslust und steigerten sich in einen wahren Blutrausch, in den sprichwörtlichen Furor, hinein."
Furor ist wahrscheinlich Maurers facettenreichstes Buch, für das umfangreiche Quellenstudien nötig waren, das aber auch reale historische Fakten zumeist auf recht saloppe Weise präsentiert und bisweilen mit comicstripartigen Elementen verbindet. Eine meines Erachtens für Manfred Maurer wichtige Funktion des Schreibens, das Eintauchen in eine imaginäre Welt, zeigt sich vielleicht am deutlichsten in diesem Roman, wo an einer Stelle die beiden Hauptfiguren, zwei Freunde aus einem Wiener Keltenzirkel, auf einmal feststellen müssen: "Wir sind in unserem eigenen Text gelandet." Einer von ihnen, Robert Steiner, ein Lehrer aus Wien-Ottakring, greift u. a. in den Kampf zwischen Caesar und Vercingetorix ein und reißt eine Horde von keltischen Kriegern zu Begeisterungsstürmen hin, als er Love me tender intoniert, wobei Maurer in typischer Manier anmerkt: "Und es störte auch nicht, daß er mehr dem Elvis aus Las Vegas als dem jungen Rebellen aus Memphis, Tennessee, glich."
Furor ist ein Roman mit vielen Überraschungsmomenten, den Maurer auch als Satire auf die New-Age-Bewegung verstand. 1993 folgte eine Taschenbuchausgabe im großen Fischer-Verlag, mit Manfred Maurer schien es weiter aufwärts zu gehen. Es war aber der Höhepunkt seiner Laufbahn.
"Kurt Wambach hatte es als Schriftsteller zu einiger überregionaler Berühmtheit gebracht, bevor ihm in seinem 37. Jahr die Existenz zusammenkrachte. Sechs Bücher in zwölf Jahren, zwei Fernsehfilme, zahllose Beiträge in renommierten Zeitungen und Zeitschriften, Auszeichnungen und Auslandsaufenthalte ... Und dann plötzlich nichts mehr! Er konnte es sich nicht erklären, aber plötzlich schnitt man ihn allerorten, als würde er überhaupt nicht mehr existieren." Mit diesen Worten aus Manfred Maurers Nachtwachen. Beginn eines Romanes (Die Rampe 2/1996) ist wohl auch seine eigene Situation zu dieser Zeit treffend umrissen. Was ist passiert?
Am Schluß von Furor kehrt Robert Steiner nicht nach Österreich zurück, sondern fährt nach Irland. In diesem Land, "das aufgrund seiner bewegten Geschichte und Naturschönheiten beinahe schon religiöse Verehrung genießt", ist auch Maurers nächster Roman angesiedelt, aus dessen Vorwort dieses Zitat stammt. Sein Titel: Irisches Evangelium. Manfred Maurer hatte diesen Text 1992 fertiggestellt, er liegt vollständig und in druckfertiger Fassung vor. Der List-Verlag, der dieses Projekt bevorschußt hatte, lehnte aber auf einmal die Veröffentlichung des Manuskripts ab! Statt der erwarteten Einkünfte häuften sich Schulden an, und ein mit diesem Flop einhergehendes Versiegen der Preise und Stipendien zwang Maurer zur Annahme ungeliebter Jobs wie Nachtwächter und Mitarbeit bei Meinungsforschungsinstituten. "Doch auch daraus ist Literatur entstanden. Zum Beispiel die Prosa Nachtwachen. Seine beruflichen Pläne befaßten sich zunehmend mit dem Film. Unter Mitarbeit von Adi Essl verfaßte er mehrere Drehbücher und Treatments für Spiel- und Dokumentarfilme. Die gestohlene Zeit und Lärm! Der tägliche Terror wurden realisiert", schreibt Katharina Riese im Nachwort zu Maurers Touristenfarm.
Nach dem Bruch mit dem List-Verlag wollte Maurer keinen Roman mehr schreiben. Er verstärkte den journalistischen Teil seiner Arbeit, verfaßte Buchrezensionen und Artikel, vorwiegend für die Wiener Zeitung, für die er schon seit Mitte der achtziger Jahre Beiträge lieferte. Irland, irische Gegenwartsliteratur bildeten den Schwerpunkt.
Schließlich wandte sich Maurer aber wieder Österreich und dem Roman zu. Mit Opus G (1996) legte er einen weiteren langen Erzähltext vor, bei dem nun, was das Formale betrifft, die Arbeit an Drehbüchern ihren Niederschlag gefunden hat. Bereits ein früher Kritiker schrieb in der Wiener Zeitung vom 26. 7. 1996: "Manfred Maurer hat ein spannendes, zugleich beklemmendes Werk geschaffen, das vor allem durch seine Milieuschilderung besticht und sich für eine Verfilmung anbieten würde." Wiederum spielt die Handlung hauptsächlich in Wien, und wiederum ist das Thema die Flucht aus der häuslichen Umgebung, doch diesmal nicht an einen anderen Ort, sondern Flucht in fremde, düstere Sphären: "'Wer Gnosis erlangt', sagte der Doktor, 'ist nicht mehr Christ, sondern Christus.' Der Junge nickte: 'Ich weiß.'"
Mit diesen Sätzen führt uns Manfred Maurer in die Machenschaften einer Sekte namens Opus G ein, gegen die ein Polizeifotograf ermittelt, nachdem sein minderjähriger Neffe ermordet aufgefunden wurde. "Die Welt, in der die Kriminalgeschichten immer spielen, ist meistens eine sehr dunkle, und da gibt's immer eine Bedrohung, und das seh' ich als gutes Modell für die Wirklichkeit", sagte Manfred Maurer dazu in einer Radiosendung.
Nicht nur ausgesprochenen Krimiliebhabern sei dieser Roman empfohlen, der wahrlich ein besseres Schicksal verdient hätte, als ihm vergönnt war. 1996 war Maurer bereits fünf Jahre lang durch keine Neuerscheinung mehr auf dem Buchmarkt präsent, darüber hinaus erschien Opus G gleich als billige Taschenbuchausgabe und noch dazu im wenig angesehenen Bastei-Verlag, sodaß die breite Öffentlichkeit kaum darauf aufmerksam wurde. Dies passierte just zu einer Zeit, in der es für dieses Genre ein beträchtliches Verlagsinteresse gab und andere österreichische Autoren, die auf ähnlichen Pfaden wandelten, höchst erfolgreich waren. Es wäre äußerst sinnvoll, Opus G noch einmal und in gebührender Form aufzulegen.
Auch im nächsten Buch, das unter dem Arbeitstitel Zopper startete, wollte sich Maurer weiter in diesem Genre bewegen, doch dieses Vorhaben gelangte über das Anfangsstadium niemals hinaus. Am 11. November 1998, nur wenige Tage nach seinem 40. Geburtstag, starb Manfred Maurer in Wien an den Folgen eines tragischen Unfalls.
Trotz seines frühen Todes liegt von Manfred Maurer ein recht umfängliches Werk vor. Zwei Drehbücher wurden noch nicht realisiert, Irisches Evangelium ist weiterhin unveröffentlicht. Das 10. Kapitel daraus, eine in sich geschlossene Erzählung, mit der er 1992 ein zweites Mal beim Bachmann-Wettbewerb teilnahm, ist aber nun als Titelstück in Die Touristenfarm. Eine irische Geschichte und andere Erzählungen (2000) abgedruckt, einer vom Löcker-Verlag ausgewählten Textsammlung, die auch Maurers letzte literarische Veröffentlichung bei Lebzeiten Steyr, Mischgehirn. Gewidmet Steyrs Rauschgifttoten, frühe noch nie in Buchform publizierte Kurzprosa sowie die bereits erwähnten Texte Johnny und Der Sieger enthält. Auf das informative Nachwort von Katharina Riese, Manfred Maurers früherer Lebensgefährtin und Mutter einer gemeinsamen Tochter, möchte ich noch einmal ausdrücklich verweisen.
Wien erschien Maurer oft nicht als der ideale Ort. Einem angehenden Schriftsteller gab er in den Oberösterreichischen Nachrichten vom 20. 10. 1989 folgenden Rat: "Will er tatsächlich Karriere machen, sollte er sich den Umweg über Wien ersparen und gleich nach Deutschland gehen. Auch Amerika wäre ihm zu empfehlen." Das bestehende Werk Manfred Maurers ist jedoch mit Österreich eng verbunden und ohne Wien unvorstellbar, besonders die Stimmung im Wien der achtziger Jahre hat in seinen Büchern vielfältige Spuren hinterlassen. "Allerorten wurden [...] neue Lokale eröffnet, Werbeagenturen, Plattenlabels und bunte Magazine gegründet. Es war ein wenig wie zur Zeit des Goldrausches in Kalifornien", lesen wir in Opus G.
Was Manfred Maurer knapp zusammengefaßt im Bereich der Literatur und des Films etwas bedeutete bzw. als Ziel erstrebenswert erschien, wird vielleicht ganz gut in seiner Besprechung von Der Buddha der Vorstadt (1990) ersichtlich, dem ersten Roman des Londoners Hanif Kureishi, den Maurer auch als Drehbuchautor sehr schätzte: "In Großbritannien gibt es seit Jahren ein kleines Kinowunder, das Filme von unabhängigen Produzenten hervorbringt, die sich mit brennenden Zeitproblemen wie Rassenkonflikten, Neofaschismus und sozialem Elend beschäftigen, radikal gegen die neokonservative Politik der Thatcher-Regierung antreten und damit großen kommerziellen Erfolg haben."
Maurer war mit Leib und Seele Schriftsteller und wußte auch, welchen Stellenwert viele andere diesem Beruf beimessen. Es weist wohl über die unmittelbare Romansituation hinaus und kann als gesellschaftlicher Kommentar über Maurers mehrmals gewählte Hauptfigur des Schriftstellers gelesen werden, wenn in Furor die Keltin Viviane zu Steiners Begleiter sagt: "Ihr schreibt, [...] und wer schreibt, gilt bei unserem Volk als krank und muß behandelt werden."
erschienen in: LITERATUR UND KRITIK, Ausgabe 353, Mai 2001
Franz Hocheneder, geboren 1962 in Steyr (OÖ), Studium der Germanistik und Anglistik an der Universität Wien, Dr. phil. Langjähriger beruflicher Aufenthalt in England, veröffentlicht im Herbst 2008 eine Monographie über den Londoner Exilschriftsteller H. G. Adler bei Böhlau in Wien.
„Ich habe Manfred Maurer in den achtziger Jahren einmal durch Zufall in einem Café in Wien getroffen. Er sprach mit mir damals über seine schriftstellerische Tätigkeit und erzählte, er arbeite gerade an seinem zweiten Roman. Es war das erste Mal, dass ich als Germanistikstudent einen Autor persönlich kennengelernt habe.“