[Leseproben]

Manfred Maurer, Lesung Steyr 1997
Manfred Maurer, Lesung in Steyr 1997





Auf die Tube drücken, in der das Leben eingeschlossen war."

Quelle: DAS WILDE SCHAF, Roman, List Verlag 1989, Seite 9






erste reise in den süden

die großen ferien haben längst begonnen. lumpi, der vogel, zwitschert auf der schattenseite am balkon. alfred hat heut keine lust zu essen. er fühlt sich nicht wohl, ist ein bisschen krank vielleicht.

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Quelle: „Land der Hämmer“, Prosa, Europaverlag 1985

 

INVENTUR ODER WAS VON MEINEM VATER BLIEB

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Ein Militärentlassungsschein vom 10. 12. 1958. Ein vergilbtes Heft mit den allgemeinen Dienstvorschriften für das Bundesheer. Ein Blutspenderausweis mit der Nummer 4452. Schullandkarten von Asien, Mitteleuropa, Niederösterreich, Südamerika, Spanien und Portugal. Eine Bescheinigung des Wirtschaftsförderungsinstituts über die Teilnahme an einem 6Ostündigen Fortbildungskurs für Anfänger im Elektroschweißen. Ein grüner Versicherungsschein der Merkur-Versicherung. Eine Urkunde des österreichischen Judoverbands für den Erhalt des fünften Kyu. Ein gelber Taschenkalender vom Jahr 1958 mit großteils unleserlichen Aufzeichnungen über die Militärzeit. (Keine Eintragung am 8. November, dem Tag meiner Geburt).

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Reiseminiaturen

Von Manfred Maurer

ITALIEN

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Wie die Pappmachélandschaft einer Modelleisenbahn kleben die Hügel und Täler Chiantis vor uns im Dunst. Wie unzählige Karawanen ziehen die Weinstöcke dem Horizont entgegen. Dazwischen stehen wie Elefanten weitausladende Bäume herum. Mit den Öffnungszeiten nimmt man es nicht so genau hier heroben. Schon seit Stunden warten wir auf den Tabakhändler, um endlich die Marlboro zwischen die Zähne zu kriegen, die den Urlaub perfekt macht. Durch die getönten Scheiben der Telefonkabine seh ich grüngestrichene Fensterläden aufklappen. In der Bar laufen vor allem haushoch versicherte Fussballerbeine über den Bildschirm. Alte, verwitterte Italiener lassen sich am kiesbestreuten Dorfplatz unter einem Nadelbaum nieder und starren dem Düsenjäger nach, der einen Kondensstreifen auf den wolkenlosen Himmel malt. Die Jungen flitzen auf ihren knatternden Motorrollern die weissen Serpentinien rauf und runter, während die Goldfische im betonierten Becken ihre Kreise ziehen. Auf der Zapfsäule laufen die Zahlen.

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Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 19.9.1986, S.46

 

STEYR, MISCHGEHIRN

Gewidmet Steyrs Rauschgifttoten

- Wo bin ich? Steyr, Hauptbahnhof. Nein, nein!

Das beste, was es gibt: ein Berg Koks, gleich direkt in die Venen hineingeschossen! Das verreckte Mischgehirn schwimmt im Schädel wie ein abgetriebener Embryo im Gully. Aufgeweichte Binden, blutige Tampons, Zigarettenkippen, Zeitungspapier, sein Hirn. Und schon wieder spielen sie ihm Stimmen da hinein: Lou Reed faselt mit seiner schwarzen Samtsaustimme: »I'm waiting for my man«. - Schnauze, Lou! Schnauze, du Arsch!

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